Barrierefreiheit in Deutschland – besser, aber immer noch viel aufzuholen!

Inklusion und Barrierefreiheit ist ein Thema, das in Deutschland lange Zeit sträflich vernachlässigt wurde. In letzter Zeit tut sich aber einiges, Bahnhöfe werden umgebaut und Treppen durch Rampen oder Aufzüge ersetzt. Bei rund 7,5 Millionen Schwerbehinderten in Deutschland ist das auch dringend nötig. Vielerorts braucht es den Druck der Wohltätigkeits- und Sozialverbände, damit sich etwas ändert.

Auch Rollstuhlfahrern soll Zugfahren ermöglicht werden Barrierefreiheit ist gerade an Bahnhöfen ein großes Thema. Bild: Lisa S. – 219097378 / Shutterstock.com

Grad der BehinderungAnzahl Personen in Deutschland
50 % 2 410 406
60 %1 202 750
70 %830 074
80 %904 636
90 %385 292
100 %1 815 807
Gesamt7.548.965
- davon männlich- 3.851.568
- davon weiblich- 3.697.397

7,5 Millionen – das ist die Zahl der schwerbehinderten Menschen, die zum Jahresende 2013 in Deutschland gezählt wurden. Das sind 260.000 mehr als noch zwei Jahre vorher, der zu beobachtende Anstieg beträgt somit 3,6 Prozent, insgesamt sind 9,4 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland schwerbehindert, also ist fast jeder zehnte Bundesbürger betroffen!
Schwerbehindert ist man laut Gesetz ab einem Behinderungsgrad von 50 Prozent.

Diese Zahlen belegen, dass hier nicht etwa von einer wenig relevanten Minderheit gesprochen werden kann, sondern dass Schwerbehinderte eine große Bevölkerungsgruppe sind, auf deren Bedürfnisse Rücksicht genommen werden muss. In Sachen Barrierefreiheit hat sich in den letzten Jahren auch viel getan, wenngleich immer noch vieles im Argen liegt, das es zu verbessern gibt.

4.000 Bahnhöfe sind schon stufenfrei – Zwei-Sinne-Prinzip soll Blinden helfen

Nach aktuellen Zahlen der Deutschen Bahn gibt es unter den 5.400 deutschen Bahnhöfen etwa 4.000, die schon stufenfrei sind. In diesem Bereich wurde also schon viel getan, wenngleich immer noch einige Stationen Nachholbedarf haben. Stufenfreiheit ist gemäß der EU-Richtlinie TSI PRM eines von mehreren Kriterien, durch die Barrierefreiheit gekennzeichnet wird. Verkehrsstationen, bei denen die Bahnsteige in ihrer Gesamtheit auf 55, 76 oder 96 Zentimeter angehoben wurden, um einen ebenerdigen Einstieg zu ermöglichen, zählt die Bahn 2.800. Es gibt zudem 2.000 Aufzüge und 790 Rampen, die für gehbehinderte Menschen die Benutzung von Bahnhöfen erleichtern.

Stufenfreiheit ist ein zentrales Kriterium für einen barrierefreien Bahnhof

Eine Rampe statt einer Treppe – so können auch Rollstuhlfahrer hoch zum Gleis. Bild: hxdyl – 23761874 / Shutterstock.com

Wichtig, etwa für Blinde, sind auch die 6.200 Dynamischen Schriftanzeiger (DSA), die Informationen standardisiert nicht nur sichtbar anzeigen, sondern durch eine automatische Ansage auch akustisch weitergeben. Durch dieses 2-Sinne-Prinzip soll ein weiterer Schritt in Richtung Barrierefreiheit getan werden. Zudem sind 4.400 von 9.600 Bahnsteigen bundesweit mit Blindenleitstreifen versehen, die es blinden Menschen ermöglichen, sich ohne fremde Hilfe unfallfrei zurecht zu finden. Hier besteht natürlich noch Luft nach oben, auf über der Hälfte aller Bahnsteige ist Orientierung für blinde Menschen immer noch quasi unmöglich.

Für mobilitätseingeschränkte Personen gibt es von der Deutschen Bahn auch Jahr für Jahr 550.000 Hilfeleistungen. Angesichts von etwa 17 Millionen Ein- und Aussteigern pro Tag ist das zwar eine gar nicht einmal so beeindruckende Anzahl, doch immerhin tut die Bahn etwas und zeigt ihren guten Willen. Zum Standardrepertoire auf deutschen Bahnsteigen gehören auch die Wetterschutzhäuser, von denen die Bahn 8.400 insgesamt vermeldet. Diese dienen selbstverständlich nicht nur schwerbehinderten Menschen als Erleichterung, sondern erhöhen den Komfort für alle Bahnhofsnutzer.

Umbaumaßnahmen überall – Ergenzingen der „behindertenfeindlichste Bahnhof“

Barrierefrei geworden ist jetzt endlich auch der Heidenheimer Bahnhof. In der Stadt auf der Ostalb wurden Anfang Februar 2016 zwei Aufzüge in Betrieb genommen, die die Benutzung des Bahnhofs für alle erleichtern und für manche erst ermöglichen sollen. Seit Oktober 2014 wurde an ihnen gebaut, eine Million Euro hat das Projekt verschlungen. Die Stadt hatte sich mit 150.000 Euro an den Kosten beteiligt. Ursprünglich hatte man die Aufzüge schon im Dezember eröffnen wollen, ein kaputtes Steuerteil machte aber die Abnahme durch den TÜV unmöglich.

Vielerorts, etwa in Wörth am Rhein, im badischen Donaueschingen, in Dinslaken am Niederrhein oder in Guntershausen im Baunatal sollen Bahnhöfe in geplanten Baumaßnahmen in den nächsten Monaten barrierefrei werden. Oft müssen sich Vereine wie der Sozialverband VdK Deutschland dafür einsetzen, dass Interessen von körperbehinderten Menschen im Nahverkehr gewahrt werden.

Treppen sind für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ein großes Problem

Dieser Mann in Worms hat es schwer, sich barrierefrei durch die Stadt zu bewegen. Bild: rkl_foto – 309663695 / Shutterstock.com

So etwa im schwäbischen Ergenzingen bei Rottenburg. Die Verkehrsstation dort nannte der lokale VdK-Sprecher den „in ganz Deutschland behindertenfeindlichsten Bahnhof“. Der VdK-Ortsverband Ergenzingen/Eckenweiler/Baisingen ging sogar so weit, sich bei der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, der Sportlerin Verena Bentele, zu beschweren und wandte sich auch an Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, um den Missstand anzuprangern. Man solle die Bahn dazu bringen, den Paragrafen 52 zur Gleichstellung behinderter Menschen anzuwenden. In Ergenzingen hatte die VdK-Initiative Erfolg: Die Deutsche Bahn reagierte prompt und kündigte an, noch in diesem Jahr mit Planungen für Baumaßnahmen zu beginnen.

Sozialverbände vertreten Interessen Benachteiligter – VdK ist der größte

Die Interessen von behinderten Menschen werden in Deutschland traditionell von den verschiedensten Wohlfahrtsverbänden vertreten. Der nach eigenen Angaben größten und am stärksten wachsende darunter ist der VdK Sozialverband Deutschland. Die Abkürzung „VdK“ im Namen stammt noch vom Vorgänger, dem „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“, der 1950 gegründet wurde. Ihm gehören 1,75 Millionen Mitglieder in 13 Landesverbänden mit rund 8000 Kreis- und Ortsverbänden an. Neben Menschen mit Behinderung werden auch Rentnerinnen und Rentner, chronisch Kranke, Pflegebedürftige und deren Angehörige, Familien, ältere Arbeitnehmer und Arbeitslose vertreten.

Der Verein bietet zudem eine Beratung für die Gebiete

  • Gesetzliche Rentenversicherung
  • Gesetzliche Krankenversicherung
  • Gesetzliche Pflegeversicherung
  • Rehabilitation und Schwerbehindertenrecht
  • Sozialhilferecht
  • Gesetzliche Unfallversicherung
  • Arbeitslosenversicherung/Arbeitslosengeld II
  • Soziales Entschädigungsrecht

an und bietet damit sozial benachteiligten ein breites Spektrum, das alle Hilfen für sozial Benachteiligte abdecken soll. Das Motto des Verbands ist „unabhängig, solidarisch, stark“.

Aktuell macht der Verband mit einer Kampagne zur Barrierefreiheit auf sich aufmerksam. „Weg mit den Barrieren“ ist der Leitspruch. Der Verband fordert alle Bundesbürger dazu auf, auf einer eigens eingerichteten Homepage Barrieren einzutragen, wenn sie entdeckt werden und will mit der dadurch entstehenden „Landkarte der Barrieren“ auf die Missstände aufmerksam machen. Der VdK argumentiert unter anderem damit, dass auch zeitweise in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen, wie etwa Verletzte oder Kranke oder Eltern mit Kinderwägen von den Baumaßnahmen profitieren, zudem werde durch Investitionen die Wirtschaft angekurbelt.

Bild:

  • Lisa S. – 219097378 / Shutterstock.com
  • hxdyl – 23761874 / Shutterstock.com
  • rkl_foto – 309663695 / Shutterstock.com

Quellen:

  • Statista (Premium Account)
  • Unternehmenssprecher
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