Interview mit Ulrich Kreichgauer über Barrierefreiheit bei SAP

Artikel aktualisiert am 04.08.2017

Um das Thema „Barrierefreiheit in der Informatik“ in Reutlingen / Deutschland etwas mehr voranzutreiben, gibt es in diesem Blogartikel ein Interview mit Ulrich Kreichgauer von SAP.

Markus Lemcke: Wer sind Sie und was machen Sie bei SAP?

Herr Kreichgauer: Ich leite das „Accessibility Competence Center“ von SAP im Headquarter in Walldorf.

Markus Lemcke: Was ist SAP und was kann damit gemacht werden?

Herr Kreichgauer: SAP ist ein großer Softwarehersteller. Mit SAP Software steuern große, mittlere und kleine Unternehmen weltweit ihre Geschäftsprozesse, beispielsweise Buchführung, Einkauf, Vertrieb, Lagerhaltung, Produktion oder auch Personalwesen.

Markus Lemcke: Wie würden Sie Barrierefreiheit in der Informatik definieren?

Herr Kreichgauer: Wir orientieren uns an typischen gesetzlichen Vorgaben und Verordnungen, z.B. der BITV, die in Deutschland gültig ist, aber auch der WCAG und der Section 508. Vereinfacht gesagt geht ist bei barrierefreier Software darum, die Software für alle benutzbar zu machen, indem Informationen vergrößerbar sind und mit guten Farbkontrasten ausgegeben werden, die Software mittels aller Eingabekanäle (Tastatur, Maus, evtl. Touch) bedienbar ist und assistierende Technologien (Bildschirmauslesesoftware, Vergrößerungssoftware) unterstützt werden. Daneben gibt es eine Fülle von Detailthemen, beispielsweise Textinformationen für graphische Ausgaben oder auch Untertitel für Videos.

Markus Lemcke: Welche Behinderungsarten bzw. körperlichen Einschränkungen werden bei der Barrierefreiheit bei SAP berücksichtigt?

Herr Kreichgauer: Typische Zielgruppen sind Menschen mit Seheinschränkungen (Altersweitsichtige, Farbenblinde, Sehbehinderte, Blinde), Höreinschränkungen (Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit) und motorischen Einschränkungen.

Markus Lemcke: Wie groß ist die Abteilung bei SAP die sich um Barrierefreiheit kümmert? Welche unterschiedlichen IT-Experten sind dort beschäftigt?

Herr Kreichgauer: Es gibt mehrere Abteilungen mit unterschiedlichen Aufgaben: unser Team erstellt für Entwickler und Tester Barrierefreiheitsvorgaben und Guidelines, schult die Entwickler in diesen Themen und unterstützt den Vertrieb, aber auch die Kunden und Endbenutzer von SAP in allen Fragen rund um Barrierefreiheit. Daneben gibt es die Barrierefreiheitsexperten in den verschiedenen Entwicklungsteams von SAP – mehr als 8000 Entwickler arbeiten bei SAP weltweit, da braucht es einen dezentralen Ansatz, um möglichst alle Bereiche zu erreichen. Schließlich gibt es ein zentrales Testteam in Bangalore, Indien – die Kollegen testen SAP Softwarepakete vor der Auslieferung der Software auf mögliche Barrierefreiheitsprobleme, die dann an die Entwicklungsabteilungen zurückgemeldet werden.

Markus Lemcke: Warum ist Barrierefreiheit für SAP so wichtig?

Herr Kreichgauer: Unternehmen oder auch der öffentliche Dienst sind verpflichtet, gesetzliche Vorgaben z.B. hinsichtlich der Gleichstellung und Nichtdiskriminierung einzuhalten. Immer dann, wenn Mitarbeiter eines Unternehmens oder Nutzer/Bürger von öffentlichen Angeboten mit SAP Software arbeiten, fragen die Käufer und Benutzer danach, ob die Nutzung für alle möglich ist. Immer wieder ist Barrierefreiheit damit kaufentscheidend.
Gleichzeitig lebt SAP nach dem Motto: „Helping The World Run Better“. SAP hat sich verpflichtet, in allen Bereichen die Menschenrechte zu beachten. Das bedeutet auch, möglichst barrierefreie Produkte herzustellen.

Markus Lemcke: Viele deutsche IT-Unternehmen beschäftigen sich nicht mit Barrierefreiheit, weil sie der Meinung sind die Zielgruppe ist zu klein und die Kosten sind zu hoch! Wie lauten Ihre Gegenargumente?

Herr Kreichgauer: Die Zielgruppen sind nicht so klein, wie man denkt – statistisch gesehen hat jeder siebte Arbeitnehmer eine Einschränkung, die durch barrierefrei gestaltete Software aufgefangen oder abgemildert werden kann. Das bedeutet unter Umständen zusätzliche Aufwände und damit Kosten, erschließt aber gleichzeitig auch zusätzliche Arbeitnehmer und Märkte. Am Ende gewinnen alle, wenn barrierefreie Produkte entstehen.

Markus Lemcke: An welchen Zielen arbeiten Sie gerade im Zusammenhang mit Barrierefreiheit bei SAP?

Herr Kreichgauer: Aktuell ist für uns ein großes Thema, wie wir die Barrierefreiheitsmöglichkeiten von mobilen Geräten gut unterstützen können. Vieles ist ja in den Geräten schon eingebaut, z.B. Vorlesesoftware, Schriftvergrößerung oder auch auswählbare Farbschemata. Leider gibt es bisher nur wenige übergreifende Standards, sodass unter Umständen pro Gerät andere Entwicklungsumsetzungen gebraucht werden. Das macht einiges an Arbeit.

Markus Lemcke: Was wünschen Sie sich in Sachen Barrierefreiheit in der Informatik für Deutschland?

Herr Kreichgauer: Es wäre schön, wenn das Thema weiter bekannt würde und damit eine breitere Unterstützung erfahren würde. Obwohl vieles technisch möglich ist, fehlt bei Entwicklern und Designern das Bewusstsein darüber, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen mit ihren Softwareprodukten arbeiten wollen, und oft fehlt auch das „Gewußt-wie“ bezüglich der korrekten technischen Umsetzung.

Markus Lemcke: Herr Kreichgauer, ich bedanke mich für das hochinteressante Interview!


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